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19.11.2016

Via Dinarica - 1300 Kilometer durch die Berge des Balkan 9/ Kroatien/ nach Knin



Als ich am nächsten Morgen aufwache, turnen Siebenschläfer noch immer ganz in meiner Nähe herum. Ich bin jetzt davon überzeugt, dass sie die Quelle der merkwürdigen Geräusche sind, die ich schon häufiger nachts gehört habe.
Der weitere Weg in Richtung des Crnopac Gipfels ist ein abenteuerlicher Steig, auf dem man an etlichen Stellen etwas klettern muss. Auch hier sind einige Abschnitte durch Drahtseile entschärft, dennoch ist der Weg nicht ganz einfach. Dafür entschädigt die wahnsinnig zerklüftete Felslandschaft, in der sich einzelne Bäume behaupten. Es gibt hier auch Höhlen und unheimliche, bodenlos erscheinende, dunkle Schächte.



                         Die chaotische Felslandschaft des Crnopac

Als ich den Gipfel des Veliki Mat erreicht habe, glaube ich schon fast auf dem Crnopac zu sein, bis dahin ist es aber noch weit!
Eine durch Pfeifen ihre Beunruhigung anzeigende Gämse auf einem Felskamm kann ich eine ganze Zeit lang aus nicht allzu großer Entfernung bewundern.




                                    Gämse

Bald darauf gelange ich zu der schwierigsten Stelle, einem steilen, ungesicherten Abstieg über einige Meter in den Felsen. Hier wäre ein Drahtseil bei Nässe sicher hilfreich...


                           Kletterstelle

Über mir schießt ein Baumfalke rasant durch die Luft, und in einer Felsspalte entdecke ich Edelweiß.


                                           Edelweiß

Erst nach fast dreieinhalb Stunden habe ich den 1402 Meter hohen Hauptgipfel des Massivs erreicht. Leider ist es bereits schon etwas zu spät für schöne Fotos.
Nach dem ich weiter abgestiegen bin, erreiche ich irgendwann wieder die Straße nach Gracac, das heißt, der Abstecher zum Crnopac ist eine zusätzliche Runde der Via Dinarica, die sich aber lohnt. Überwiegend auf der vielbefahrenen Straße laufend, erreiche ich am Nachmittag Gracac. Es gibt hier einige Unterkünfte, aber die Kleinstadt erscheint mir wenig einladend, daher kaufe ich lediglich einige Vorräte in einem Supermarkt und setze dann meinen Weg fort.


                             Gracac

Die Via Dinarica verläuft hier auf der Hauptstraße D 1 nach Knin, ätzend zu laufen! Nach zehn Kilometern habe ich genug vom Straßenwandern und schlage einen Weg ein, der sich nach links von der Straße entfernt. In einem Buchenwald unmittelbar unter einer Bahntrasse schlage ich mein Lager auf. Zu meinem Schrecken muss ich feststellen, dass ich meinen Löffel verloren habe!
Um Kartoffelbrei nicht mit den Fingern essen zu müssen, schnitze ich mir aus einem Ast Ersatz, womit ich auch leidlich zurecht komme...
Nach dem Abstieg vom Crnopac, hat mir der Rest des Tages mit den langen Kilometern auf der Straße keinen Spass gemacht, ich hoffe morgen wird besser....
Über eine Mischung aus meist abwechslungsreichen Wegen versuche ich zurück zur Route der Via Dinarica zu gelangen. Zeitweise geht es dabei durch lichte Eichenwälder mit üppigem Grasunterwuchs, ein Landschaftselement, was ich bisher auf meiner Wanderung seit Slowenien noch nicht kennen gelernt hatte.

                                   Lichte Eichenwälder

Unweit der D 1 gelange ich zurück auf die Via Dinarica. Schön, dass ich nicht die ganze Zeit der Straße folgen musste!
Bald gelange ich in ein großes Einschlaggebiet, wo der Buchenwald stark aufgelichtet wurde. Es gibt hier aber auch noch einige markante Baumveteranen.

           Baumruine- ein Lebensraum für viele Tiere

Ab und zu sehe ich eine rote Markierung, aber im Wesentlichen folge ich meinem GPS- Track und stehe nach einem langen Anstieg auf dem Gipfel des 1168 m hohen Cardak. Von den offenen Grasflächen, die den Kamm bedecken, schweift mein Blick zurück zu Crnopac und Sveto Brdo.

                    Blick zurück zum Crnopac

Ab hier gibt es keinen Weg mehr, anfänglich muss ich ein wenig suchen, bis ich eine gute Route durch eine Gebüschzone finde, dann geht es durch ausgedehnte, offene Grasflächen problemlos abwärts.


                                  Cardak

Es ist schön, durch das einsame Landschaftsmosaik aus niedrigen Eichenwäldern mit einzelnen alten Buchen und steppenartigen, manchmal mit verstreuten Wacholdern bewachsenen offenen Flächen zu wandern. Auch diese Gegend war einst dichter besiedelt, wie mir die Ruinen von Häusern zeigen. Es ist heiß und die Vegetation auf relativ geringer Meereshöhe zeigt mir, dass ich inzwischen schon recht weit nach Süden gelangt bin.

Zerreichen - typisch für Südeuropa




                            Steppenartige Landschaft

Einmal höre ich ein deutliches Grunzen im Eichenwald und sehe dann eine Wildschweinmutter mit ihren Frischlingen, bei denen die gestreifte Zeichnung des Fells, typisch für die ersten Lebenswochen, kaum noch zu erkennen ist. Die Wildschweine wirken nicht besonders scheu, aber ich hoffe, dass ein Frischling, der in die falsche Richtung, vor mir über den Weg läuft, bald wieder Anschluss an seine Gruppe findet.
Irgendwann gelange ich zurück an die D1 und sehe unter mir das weite Tal der Zrmanja.

                    Das Tal der Zrmanja

Seit dem ich in Gracac meine Wasservorräte aufgefüllt habe, bin ich durch eine völlig ausgetrocknete Landschaft gewandert, daher muss ich unbedingt den Fluss erreichen. Der Abstieg in das Tal auf einem Weg mit zahlreichen Serpentinen dauert länger als erwartet. Zeitweise führt der Track weglos durch stacheliges Buschland. Schließlich erreiche ich das Tal bei einigen Häusern, von denen ein Pfad bachaufwärts führt. Nach den ausgedörrten Weiten, durch die ich heute überwiegend gelaufen bin, ist es ein willkommener Kontrast, hier an der Zrmanja auf einen schmalen, schattigen Waldstreifen zu treffen. Kurz vor der Quelle gelange ich an einen offenbar häufiger zum Zelten genutzten Platz, wo ich mein Lager aufschlage. Unter zahlreichen Felsbrocken befindet sich der Ursprung der Zrmanja, die schon nach kurzer Strecke ein stattlicher Bach ist. Herrlich das kühle Wasser durch die Kehle rinnen zu lassen und den Schweiß des Tages abzuwaschen! Ein toller Tag mit abenteuerlichen weglosen Abschnitten, weiten, einsamen Landschaften und der idyllischen Zrmanja geht zu Ende.

                           Die Quelle der Zrmanja

Am nächsten Morgen folge ich dem Tal längere Zeit abwärts, meist auf Fahrwegen. Ich passiere einige Weiler und immer wieder gibt es auch schöne Abschnitte in der abwechslungsreichen Kulturlandschaft. Bunte Bienenfresser, die oft auf den Stromleitungen sitzen, sind typische Vögel des sonnigen Südens.
Es ist sehr heiß, daher bringt es eine willkommene Abkühlung, als ich mein T-Shirt in einem Brunnen wasche und sofort wieder anziehe!


                                    Abwechslungsreiches Tal

                                     Hier wohnen viele Bienen

Manchmal überquere ich die Zrmanja auf Brücken und erhasche so Ausblicke auf den Bach, dessen dichtbewachsene Ufer ansonsten ihren Lauf vor meinen Blicken verbergen.

    
                             Zrmanja

                            Libelle

In einem riesigen Netz wartet eine Kreuzspinne auf Beute.




































                            Kreuzspinne

Als der Track das Tal verlässt, kann ich weder Markierungen noch einen Weg finden, obwohl auf meiner GPS- Karte hier sogar eine Straße eingezeichnet ist...
Zunächst schaffe ich es noch ganz gut, die dichten Gebüsche zu umgehen, aber irgendwann gibt es gar keine Lücken mehr zwischen den dornigen Sträuchern und der aus meiner Sicht übelste Abschnitt der ganzen Via Dinarica beginnt! Zwar versuche ich den Weg des "geringsten Widerstands" zu finden, aber oft komme ich nur mit grober Gewalt weiter. Meine auf den Rucksack geschnallte Isomatte wird förmlich "geschreddert".

Weglos durch dichte Gebüsche

          Der Kampf mit dem Busch hinterlässt Spuren...

Nach eineinhalb anstrengenden Kilometern gelange ich schließlich in offeneren Eichenwald. Ich bin heilfroh, dass ich mich nicht noch länger durch die dichte Vegetation schlagen muss...

Endlich raus aus den Gebüschen

Über eine Mischung aus mal mehr, mal weniger gut erkennbaren Wegen komme ich jetzt viel einfacher weiter. Auch hier zeugen alte Steinmauern von der Vergangenheit dieser Gegend, die sich wie so viele Flächen im Hinterland von Kroatien wieder in Wildnis zu verwandeln scheint.

                            

                       Dieser alte Weg ist noch nicht zugewachsen...

Schließlich gelange ich wieder auf richtige Fahrwege, die zum Teil durch große Kiefernaufforstungen führen. Es gibt hier sogar kleine Weingärten. 


                                 

Danach folge ich einer Nebenstraße fast ohne Verkehr für einige Zeit, bevor ich mein Nachtlager in einem niedrigen Eichenwald aufschlage.
Selbst am frühen Morgen beträgt die Temperatur hier noch 20 Grad. Blitze zucken entfernt und ein Unwetter scheint sich zusammenzubrauen, als ich auf schmalen Sträßchen weiter Richtung Knin laufe.

                           Braut sich ein Unwetter zusammen?

Ich hasse es zwar auf Asphalt zu laufen, aber dafür komme ich schnell vorwärts, so dass ich schon um 10 Uhr Knin erreiche, die mit Abstand größte Stadt auf der Via Dinarica, wo ich mal wieder die Errungenschaften der Zivilisation wie Dusche, Friseur, Kommunikation, Essen gehen u.s.w genießen möchte...

                         Vor Knin

Direkt am Ortseingang sehe ich ein Schild mit der Aufschrift "Sobe", serbokroatisch Zimmer. Die Familie Zunic nimmt mich sehr freundlich auf, und da der Sohn Zarko gerade zu Besuch ist, und gut englisch spricht, können wir uns auch problemlos verständigen. Ich darf sogar die Waschmaschine benutzen um meine Wäsche zu waschen! Den Rest des Tages verbringe ich damit Essen für die nächsten zehn Tage zu kaufen und in den Cafés und Restaurants der Stadt zu relaxen.


                                  Knin





































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